Christoph-Graupner-Gesellschaft

 

 

Suchergebnisse

Tragen Sie in das Suchfeld nur die GWV-Nummer ohne "GWV" ein:

  • "323" für genau das GWV 323
  • "/23" für die Kantaten des Jahrgangs 1723 (Zeitraum: 1709-1754)
  • Bei Eingabe von Teilen wie z.B. "17" erhalten Sie die Übersicht über alle Einträge,
    die die Zahl "17" enthalten.

 

Aktueller Suchbegriff: 730

Aktuelle Auswahl: 9 Einträge

Optionen:


 

Direkte Einträge im GWV

GWV 730
 
Sinfonia / ŕ 2 Clarin: 2 Flaut. Tr. 2 Violin. Viola e Cembalo. 2 Corn./ [Graupner]
470-62 Sinfonia

 

Einträge bei CD-Einspielungen, Videos, Büchern, Dissertationen, usw.

 
Virtuose Paukenkonzerte des 17. und 18. Jahrhunderts
  • Giorgio Druschetzky (1745-1819): Concerto per sei timpani
  • André Philidor (1647-1730) & Jacques Philidor (1651-1708): Marche de timballes
  • Johann Carl Christian Fischer (1752-1807): Symphnie mit acht oblogaten Pauken
  • Johann Melchior Molter (1697-1765): Sinfonia Nr. 99
  • Christoph Graupner (1683-1760): Sinfonia F-Dur für 2 Hörner, Pauken, 2 Violinen, Viola und CembaloGWV 566
  • Giorgio Druschetzky (1745-1819): Partita C-Dur
Interpreten:
  • Alexander Peter (Pauke)
  • Philharmonisches Kammerorchester Dresden, Leitung: Alexander Peter

CD 540
CD

 

Sonstiger Content

 
Barockes zur Reformation

Praeludium zum Erlanger Kirchentag

  • Johann Sebastian Bach (1685-1750): Kantate "Christen ätzet diesen Tag" BWV 63 (in einer rekonstruierten Fassung vom 31.10.1717 in Halle)
  • Georg Philipp Telemann (1683-1767): Kantate "Daran ist erschienen die Liebe Gottes" TVWV 1:165
  • Johann Sebastian Bach (1685-1750)/Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784): "Gaudete omnes populi" BWV 80,1
  • Christoph Graupner (1683-1760): Kantate "Jauchzet dem Herrn, alle Welt" → GWV 1173/17
  • Johann Sebastian Bach (1685-1750)/Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784): "Manebit verbum Domini" BWV 80,5
  • Johann Sebastian Bach (1685-1750): Kantate "Singet dem Herrn ein neues Lied" BWV 190 (rekonstruierte Fassung zum CA-Jubiläum 1730)

Ausführende:

  • Franziska Bobe (Sopran), Thomas Riede (Altus), Richard Resch (Tenor), Markus Simon (Bass)
  • The Lord`s Company (auf historischen Instrumenten), Akademischer Chor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen,
    Leitung: UMD Prof. Dr. Konrad Klek

Datum: Freitag, 7. Juli 2017, 19.30 Uhr
Ort: Neustädter Kirche, Erlangen
Veranstalter: Erlanger Universitätsmusik

Konzert Archiv
 
Darmstadt - Barock 2020
  • Georg Philipp Telemann (1681-1767): Völker-Ouvertüre TWV 55:B5 (Suite Les Nations) für Streicher und B.C.
  • Georg Friedrich Händel (1685-1759): Passacaglia für Streicher und B.C.
  • Godfrey Finger (1660-1730): A Ground für Blockflöte und B.C.
  • William Babell (1690-1723): Concerto 1 D-Dur, für sixth flute, Violinen und B.C.
  • Christoph Graupner (1683-1760): Concerto F-Dur für Blockflöte, 2 Violinen, Viola und B.C.GWV 323
  • Henry Purcell (1659-1695): Rondeau, Z. 570 aus der Suite Abdelazer
  • Henry Purcell (1659-1695): Grounf, Z. 632 aus der Masque Timon of Athens
  • Francesco Geminiani (1687-1762): Concerto F-Dur für Blockflöte & Orchester

Ausführende:

  • Maurice Steger (Blockflöte)
  • Darmstädter Barocksolisten

Datum: Samstag, 13. Juni 2020, 19:30 Uhr
Ort: Stadtkirche, Darmstadt (D)
Veranstalter: Darmstädter Barocksolisten

Konzert Archiv
 
Graupner Werkverzeichnis (GWV) - Online

Graupner Werkverzeichnis (GWV) - Online

Die von Florian Heyerick im Rahmen seines Webportals graupner-digital konzipierte Datenbank der Werke Graupners basiert auf der von Oswald Bill eingeführten Systematik für das von ihm erstellte Graupner-Werk-Verzeichnis (GWV). Zu deren Erläuterung sei verwiesen auf:

  • Oswald Bill / Christoph Großpietsch, Thematisches Verzeichnis der musikalischen Werke. Graupner-Werke-Verzeichnis GWV – Instrumentalwerke, Stuttgart 2005, Vorwort, S. XIIf.
  • Oswald Bill, Thematisches Verzeichnis der musikalischen Werke. Graupner-Werke-Verzeichnis GWV – Geistliche Vokalwerke, Stuttgart 2011, Vorwort, S. VIIf.

In Anlehnung daran lassen sich die zu vergebenden Nummern für die noch fehlenden, die Kirchenkantaten betreffenden Folgebände des gedruckten GWV mit hoher Wahrscheinlichkeit vorwegnehmen.

Die Online Datenbank verwendet diese Nummern bereits, so dass Benutzer in der Lage sind, neben den Instrumentalwerken auch sämtliche Kirchenkantaten Graupners nach verschiedenen Gesichtspunkten zu recherchieren, zu sortieren und über einen Link zur Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Darmstadt als Digitalisat des Autographs aufzurufen und herunterzuladen.

In diesem Datenbankangebot fehlen noch die Bühnenwerke sowie die weltlichen Kantaten. Die drei Rubriken Instrumental Works, Vocal Works (Sacred Cantatas) und Public Distributions streben eine vollständige Erfassung nach dem aktuellen Stand der Forschung an:

  • Instrumental Works – Die Instrumentalwerke
    Unter dem Startmenü befindet sich eine kurze Anleitung zur Benutzung der Datenbank sowie eine Übersicht der erfassten Werkgruppen:
  • Vocal Works: Sacred Cantatas – Die Kirchenkantaten
    • Kirchenkantaten - GWV 1101/xx - 1177/xx
      Über die Search-Funktion in der Taskleiste lassen sich alle Kantaten auf- oder absteigend ordnen, z. B. chronologisch nach Entstehungsjahren oder nach Anlässen im Kirchenjahr. Aber auch Textanfänge, Besetzung, Stimmenmaterial, sogar Ton- und Taktart einzelner Sätze werden angezeigt und erlauben somit, auf einen Blick sämtliche Kantaten mit einem bestimmten Merkmal zu erfassen.
    • Weltliche Kantaten - GWV 1278/xx - 1300/xx
    • Übersicht der verwendeten Abkürzungen.
GWV Online
   
Instrumentalwerke GWV 101 - 730

<?php

$textedoc = 0;

require_once JPATH_PLATFORM . '/rwl_gwv-instrumental.php';

?>

→ Textanfänge Kirchenkantaten
   
Kirchenmusiken von Christoph Graupner zum Reformationsgedenken

Kirchenmusiken von Christoph Graupner zum Reformationsgedenken

Marc-Roderich Pfau, Berlin , April 2018

Die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt war nach der Teilung Hessens im Jahr 1567 im Gegensatz zu Hessen-Kassel, das sich dem reformierten (calvinistischen) Bekenntnis zugewandt hatte, ein Hort des Luthertums geblieben. Als die 200. Wiederkehr des symbolischen Beginns der Reformation durch den Thesenanschlag Luthers am 31. Oktober 1517 herannahte, einigten sich die lutherischen Fürsten Europas, eben diesen 31. Oktober (in einigen Territorien zusätzlich auch den 1. und 2. November) 1717 in festlicher Weise im Gedenken der Reformation zu begehen. Dabei war Landgraf Ernst Ludwig von Hessen- Darmstadt (1667-1739) die entscheidende, treibende Kraft gewesen.1

Abb. 1: Gedenkmünze Ernst Ludwigs zum „JUBILAEUM SECUNDUM ECCLESIAE LUTHER.“ im Jahre 1717

Im Rahmen dieser Festlichkeiten erklangen im Gottesdienst der Darmstädter Schlosskirche nach Ausweis des erhaltenen Textdrucks zwei Musiken. Die Kantate im Hauptgottesdienst Jauchzet dem Herrn alle Welt (GWV 1173/17) schuf Hofkapellmeister Christoph Graupner (1683-1760). Mit drei Arien und drei Chören war die Poesie umfangreich und die Besetzung dem Anlass entsprechend sehr festlich.2 Der unbekannte Textdichter ruft das „Darmstädter Zion“ zunächst zum Dank auf („Lob und Ehre, Preiß und Ruhm, sey des Höchsten Eigenthum“ (Arie 1), weil dort „sein theuer werthes Wort Ist erhalten fort und fort“ (Arie 2). Zentral ist die Bedeutung der „unverfälschten Glaubens=Lehre“ (Rezitativ 2), die Luther durch die Reformation wieder ans Licht gebracht hat. Die Musik schließt mit der zweiten Strophe aus Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“. Dieses Lied eroberte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts den Status der „Marseillaise der Reformation“ (Heinrich Heine).

Die andere, minder wichtige Musik für den Nachmittagsgottesdienst, hatte vermutlich der Vizekapellmeister Gottfried Grünewald (1673-1739) verantwortet, der sich damals mit Graupner in der Bereitstellung von Kirchenmusik abwechselte. Sein Beitrag zum Jubelfest ist verschollen.

Ein weiteres, größeres, reformatorisches Jubiläum fiel in Graupners Wirkungszeit nur nochim Jahre 1730 an, als der 200. Wiederkehr der Übergabe der Confessio Augustana auf dem Reichstag zu Augsburg gedacht wurde. Graupner komponierte damals die beiden Kirchenmusiken Seid allzeit bereit zur Verantwortung und Preise, Jerusalem den Herrn (GWV 1173/30a und b). Beate Sorg hat über diese beiden und andere Jubiläen im Darmstadt des 18. Jahrhunderts vor kurzem einen sehr lesenswerten Aufsatz veröffentlicht, so dass an dieser Stelle auf weitere diesbezügliche Ausführungen verzichtet werden kann.3

In Darmstadt sollte, ähnlich wie in den sächsischen Herzogtümern, nach dem Fest von 1717 fortan an jedem 31. Oktober, sofern er auf einen Sonntag fiel, oder aber am jeweils folgenden Sonntag in besonderer Weise der Reformation gedacht werden.4 Ein eigener, regelmäßig wiederkehrender, jährlicher Feiertag wurde also nicht eingeführt, ebenso wenig ein dafür vorgeschriebener Lesungstext, vielmehr sollte der jeweilige Sonntag durch Gebet und Predigt mehr oder weniger deutlich zu einem „Reformations-Sonntag“ umgeprägt werden.

1718 zeigten sich bereits die Auswirkungen der genannten Regelung für den 31. Oktober auch auf die Kirchenmusik. Heinrich Walther Gerdes (1690/2 bis 1741), der Verantwortliche für die Kantatentexte des Kirchenjahres 1717/18, stellte die Poesie für den „Reformations-Sonntag“, der damals auf den 21. Sonntag nach Trinitatis (6. November 1718) fiel, unter das Motto „Von der Warheit GOttes in | seinen Verheißungen“.5 Die Musik zu diesem Text ist nicht erhalten.

An das Evangelium für den 21. Sonntag (Joh. 4, 47-54, Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten, nachdem dieser an Jesus glaubt) anschießend entfaltet der Dichter den Glauben an Jesus als Glaube allein an die Schrift („sola scriptura“) und traktiert hiermit ein typisches Reformationsthema. Gottes Wort ist wahr und zuverlässig („Singet dem HErren ein neues Lied, | machets gut auf Saitenspiele mit | Schalle. Denn des HErren Wort ist | warhafftig, und was er zusagt, das | hält er gewiß“).6 Wenn Himmel und Erde vergehen, so führt Gerdes weiter, wird „Allein sein Wort, an dem wir gläuben“,7 ewig unaufhörlich bleiben.

Im folgenden Jahr 1719 sorgte Landgraf Ernst Ludwig für die Drucklegung eines Jahrgangs, den der Pfarrer in Neunkirchen im Odenwald, Johann Conrad Lichtenberg (1689-1751), auf Veranlassung von Gönnern und Freunden noch ohne konkrete Bestimmung verfertigt hatte,8 und übertrug ihm bald danach die Aufgabe, fortan die Texte zur Kirchenmusik in der Schlosskirche zu dichten. Dieser Bestallung verdanken wir Lichtenbergs schier unglaubliche 25 Jahrgänge Poesien zur Kirchenmusik (mit je nach tatsächlichem Bedarf im Kirchenjahr etwa 66 Texten, insgesamt mehr als 1650 Dichtungen. Da nicht alle Textbücher erhalten sind, können wir die genaue Zahl seiner Dichtungen nicht sicher feststellen.) Von Lichtenbergs Kirchenmusiktexten sind in Graupners Vertonung 1187 erhalten geblieben.

Befinden sich unter ihnen weitere Musiken zum Gedenken an die Reformation? Meine Vermutung, dass mindestens in den Jahren, in denen der 31. Oktober auf einen Sonntag fiel (1723, 1734 und 1740), das Reformationsgedächtnis im Mittelpunkt von Lichtenbergs Kantatentexten steht, wurde enttäuscht.

Bei einigen anderen Texten Lichtenbergs schimmert jedoch mehr oder weniger deutlich Reformations-Motivik durch. In GWV 1164/47 Wehe denen, die verborgen sein wollen beispielsweise (auf eine Dichtung von 1736) heißt es: „das Licht hat sehr starke Waffen, ihr Licht jagt alle Feinde fort“, was hier wohl das Licht des Evangeliums meinen dürfte (Chor- Arie 1); worauf auch gleich das bereits bekannte Motiv anklingt: „Jesu teure, werte Lehre“ (Chor-Arie 2).9 Deutlicher sind die Anspielungen in GWV 1161/37 Gott, du labest die Elenden. Im Dictum heißt es: „Der Herr gibt das Wort mit großen Scharen Evangelisten“, was zunächst auf die Boten des Gleichnisses (Mt 22, 1-14), in diesem Zusammenhang offenbar auch auf die Reformatoren und evangelischen Prediger bezogen ist.

Jedoch enthalten die genannten Beispiele, die sich noch vermehren ließen, nur Andeutungen, die auch offen zur Interpretation auf den jeweiligen Predigttext des Sonntags sind. Immerhin zwei erhaltene Kantaten Graupners auf Vorlagen Lichtenbergs sind aber, wenn man ihre Textvorlagen betrachtet, als Musiken zum Reformationsgedächtnis anzusprechen. Beide Texte nehmen zunächst, wie üblich, ein Motiv des sonntäglichen Predigttextes auf, wenden sich dann aber der Reformation allgemein (1739) bzw. einem zentralen reformatorischen Thema (1742) zu. Musikalisch sind diese Stücke von Graupner nicht, wie die eingangs erwähnten Festkantaten aus den Jahren 1717 und 1730, etwa durch größere Besetzung oder festliche Instrumentierung, hervorgehoben.

1. GWV 1164/39 Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist10 zum 1. November 1739 (23. Sonntag nach Trinitatis)

In den Poesien der genannten beiden Jahre orientiert sich Lichtenberg zunächst, wie üblich und auch an Reformations- Sonntagen gefordert, am Tages-Evangelium,1739 an der der Perikope zum 23. Sonntag nach Trinitatis, das von der Versuchung Jesu durch seine Widersacher erzählt, indem er nach dem Zahlen von Steuern gefragt wird (Mt 22,15-22). Jesu Antwort spielt in Lichtenbergs Kantatentext keine Rolle, sondern nur die allgemeine Einsicht, dass Jesus die Wahrheit lehrt. Das Eingangsdictum ist noch dem Evangelium entnommen: „Meister! wir wissen, dass du wahrhafftig bist, und lehrest den Weg GOttes recht“. Umgehend verlässt Lichtenberg aber die Ebene der Erzählung und mahnt: „Lehrt JEsus recht, So können wir nicht irrig lehren; Wir ehren Allein sein teuer werthes Wort“.11 Es folgen typische Topoi, die wir aus zeitgenössischen Predigten und Kirchenmusiktexten zum Reformationsfest kennen:

Abb. 2: Titelblatt des Jahrgangs 1739.

„GOtt Lob! der uns der Finsternus entrissen, Und läßt uns noch die Lehre JEsu wissen.“12 Hier wird auf die Zeit der mittelalterlichen Kirche angespielt, in deren Lehre das Evangelium durch menschliche Zusätze verfinstert war. Noch deutlicher wird Lichtenberg im Folgenden: “Ihr! die ihr euch Hier Evangelisch nennet, Und JEsus Lehre rein bekennet, Ach! haltet fest ob diesem Wort. Und wollte gleich Die gantze Welt dagegen toben.“13 Lichtenberg erinnert damit auch an die Verfolgung der ersten evangelischen Prediger: „Stellt man uns gleich wie Ketzern nach“,14 und eines der grundlegenden reformatorischen Probleme, das schon zu Luthers Zeiten auftrat15 und noch im 18. Jahrhundert aktuell war: In welchem Verhältnis stehen Glauben und Tun? „Reine Lehre, reines Leben, GOtt und Obern willig geben, Dieses muss bey Christen sein.“16 Lichtenberg spielt mit dem Fall Babels17 auf den Niedergang der Macht Roms an und schließt seine Dichtung mit der 4. Strophe aus Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Abb. 3:Text von GWV 1164/39.

2. GWV 1162/43 Was hilft´s lieben Brüder, so jemand saget, er habe den Glauben18zum 3. November 1743 (21. Sonntag nach Trinitatis)

In seinem letzten Jahrgang zur Darmstädter Kirchenmusik finden wir von Lichtenberg und in Graupners Vertonung für den Reformations-Sonntag 1743 nochmals einen vom Tages-Evangelium in grundsätzliche, reformatorische Erwägungen übergehenden Text. Am 21. Sonntag nach Trinitatis, der 1743 auf den 3. November fiel, spricht Lichtenberg die bereits genannte prominente reformatorischen Kontroverse an, das Verhältnis von Glauben und Werken, von Rechtfertigung und Heiligung (iustificatio et sanctificatio). „Was hilft´s lieben Brüder, so jemand saget, er habe den Glauben, und hat doch die Werke nicht. Kann auch der Glaube ihn selig machen?“ Lichtenberg beantwortet diese Frage aus Jak 2,14 im folgenden Rezitativ: „Wer glaubet, wird selig werden. Der Satz hat seine Richtigkeit“, es müssen aber „Werke, Wort, Gebärden zu allerzeit vom Glauben, dass er richtig sei, Beweis und Zeugnis geben“. Damit wehrt Lichtenberg die Annahme ab, dass gute Werke etwas zur Seligkeit beitragen könnten. Jedoch stellt er zugleich ganz im Sinne Luthers klar, dass gute Werke dem rechten Glauben notwendig folgen werden, denn „Glaube, ohne Werk und Leben, ist nicht Glaube, sondern Wahn“19 bzw. „Die Werke kommen gewisslich heraus einem rechten Glauben“.20 Christliche Werke sind also keineswegs verdienstlich, sondern für einen Christen selbstverständlich und Wirkung des Glaubens, entstehen deshalb auch nicht aus eigener, sondern in Gottes Kraft.21 Der Schlusschoral fasst nochmals lutherische Rechtfertigungslehre zusammen: „Der ist gerecht vor Gott allein, der diesen Glauben fasset“. Lichtenberg gelingt es in diesem Kantatentext meisterhaft, ein theologisch bedeutsames Thema auf Gemeindeniveau herunterzubrechen, in poetische Form zu gießen und damit reformatorische Lehre neu einzuüben.

Lichtenberg ergriff in den Kirchenmusik-Jahrgängen seiner ersten Dichterjahre am Reformations-Sonntag nicht die Gelegenheit, die Gemeinde an typische Themen der Reformationszeit zu erinnern. Er hielt sich vielmehr zunächst nur an die jeweiligen, verordneten Sonntagsevangelien bzw. Episteltexte, die er Jahr für Jahr in seinen Kirchenmusiktexten neu auslegte. Ursache dafür könnte sein, dass zum einen in der Landgrafschaft für das Gedächtnis der Reformation kein eigener, feststehender und jährlich wiederkehrender Predigttext beschlossen worden war, so dass Prediger und Kantatentextdichter auf das ordentliche Sonntagsevangelium angewiesen blieben. Zum anderen dichtete Lichtenberg seine Texte lange Zeit vor dem Verwendungstermin en bloque. In seinen ersten Jahren seien ihm, so berichtete Lichtenberg selbst, die Gedanken leicht zugeflossen, so dass er bis zu zwölf Kantatentexte an einem Tag dichten konnte. An solchen Arbeitstagen orientierte Lichtenberg sich offensichtlich nur an den jeweiligen Sonn- und Festtagsperikopen. Erst in seinen letzten Dichterjahren, als seine dichterische Kraft nachzulassen begann,22 suchte er Inspiration auch außerhalb der ordentlichen Evangelien und Episteln. So entstanden etwa für den 2. Sonntag nach Epiphanias in den Jahren 1737, 1738 und 1741 Dichtungen, die ganz allgemein dem Thema „Ehe“ gewidmet sind und sich damit nur noch per Stichwortassoziation an das Sonntagsevangelium (Hochzeit und Weinwunder zu Kana) anschlossen. Lichtenbergs Zyklen von zehn Passionsandachten für das Jahr 1741 bzw. sieben Kreuzesworten (1743) lösten sich sogar völlig von den Sonn- und Festtagsevangelien der jeweiligen Aufführungstage. Entsprechend berücksichtige Lichtenberg in seinen späten Dichterjahren auch gelegentlich die Möglichkeit, am Sonntag nach dem 31. Oktober an die Reformation zu erinnern, ohne näher auf die vorgeschriebenen Predigttexte einzugehen.

So verdanken wir offenbar paradoxerweise dem „Nachlassen der Inspiration“ (in Bezug auf die vorgeschriebenen Evangelientexte!) die beiden oben beschriebenen geistreichen Texte Lichtenbergs zu Reformations-Sonntagen in Graupners Vertonung. Zählen wir die drei eingangs erwähnten Festmusiken von 1717 und 1730 hinzu, so können wir also insgesamt fünf Graupner'sche Reformationsmusiken verzeichnen.


1 „Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt kommt das Verdienst zu, die Feier des Reformations­jubiläums im Kreis der protestantischen Fürsten angeregt und trotz auftretender Widerstände beharrlich verfolgt zu haben, bis sich die Idee bei der Mehrzahl der lutherischen Fürsten durchgesetzt hatte.“ Harm Cordes, Hilaria evangelica academica. Das Reformationsjubiläum von 1717 an den deutschen lutherischen Universitäten, Göttingen 2006, 301, zitiert nach Beate Sorg, "Die Jubiläumsfeiern des Landgrafen Ernst Ludwig", in: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, Neue Folge, 75. Band (2017), S. 29-58, hier S. 41f.

2 Graupners Festmusik wurde im Jahr 2017 zum 500. Reformationsjubiläum an mehreren Orten in Deutschland und sogar in England wiederaufgeführt.

3 Vgl. Anm. 1.

4 „Fürstl. Verordnung, daß der Religions-Reformation halber Jährlich, wann der 31. Oct: auf einen Sonntag fällt, aufselbigem, oder andern fallß auf den nächst folgenden Sonntag darauff in der ordentlichen Predigt die in Anno 1517 angefangene Reformation mit angeführt, und in einem hierzu absonderlich eingerichteten Gebeth vor solches verliehene helle Licht und Erkenntnuß seiner Göttl. Wahrheit gedanckt, und um deren Erhaltung gebethen werden soll.“ HstAD E 1 B 32/1, zitiert nach Sorg (wie Anm. 3), S.43f.

5 Texte | zur | Kirchen=MUSIC,| vor die | Hoch=Fürstl. Hessen=Darmstädische | Hof=Capelle, |auf das Jahr | 1718.| Vierdter Theil., S. 171-173.

6 Eingangsdictum, a.a.O., S. 171.

7 Ebda.

8 Ernst Friedrich Neubauer, Art. „Lichtenberg“, in: Nachricht von den itztlebenden Evangelisch-Lutherischen und Reformierten Theologen in und um Deutschland, Züllichau 1743, S. 227-237, hier S. 233.

9 Ein Textbuch hat sich nicht erhalten, die Zitate stammen aus Graupners Vertonung.

10 „Zur | Kirchen= | MUSIC | In der | Hoch=Fürstlichen | Schloß=CAPELLE | Zu | DARMSTADT | gewiedmete | Poetische TEXTE | auf | Das 1739.steJahr.“, S. 157-159. Dieser Jahrgang erhielt als erster seit demjenigen von 1720/21 keinen poetischen Namen mehr (wie Heilige Sabbaths=Lust, Paradoxa Orthodoxa usw.), worin man ebenfalls ein Zeichen für den angesprochenen Mangel an Inspiration sehen mag.

11 Satz 2, a.a.O., S. 157.

12 Ebda.

13 Satz 4, a.a.O., S. 158.

14 Satz 6, a.a.O., S. 158.

15 Luther wurde der Vorwurf gemacht, durch seine einseitige Betonung des Rechtfertigungsgeschehens „allein durch den Glauben“ die Bedeutung von christlichen Taten auszublenden.

16 Satz 5, a.a.O., S. 158. „Gott und Obern willig geben“ schließt auch wieder an die Evangelienlesung an, in der Jesus der Fangfrage nach der Steuerzahlung an den heidnischen Kaiser mit den Worten entgeht: „Man muss Gott geben was Gottes ist und dem Kaiser, was des Kaisers ist.“

17 Satz 6, a.a.O., S. 159.

18 „Gute | Gedancken | In | Poetischen Texten […] Auf | Das 1743ste Jahr.“ Der Textdruck ist verschollen, weshalb ich die Kantatentexte der Komposition Graupners entnommen habe.

19 Satz 3.

20 Satz 4.

21 Satz 6: „Ich glaube, Jesus hilf mir Schwachen. Mein Tun ist schlecht, jedoch durch dich ist beides recht“.

22 „Das poetische Feuer verlöschet bey zunehmenden Jahren, und, wie ich sonst des Tages 6. bis 8., ja einmal 12. Stücke in einem Tage verfertigen können, so kommt es itzo selten auf 4. Cantaten [...]“, Lichtenberg am 7. April 1742 an Neubauer (wie Anm. 8), S. 235.

Online-Beiträge
 
Konzert zum Advent: Werke von Zwickauer Komponisten um Joh. Seb. Bach
  • Christoph Graupner (1683-1760): Sonate für Flöte und obligates Cembalo g-moll → GWV 711
  • Christoph Graupner (1683-1760): Partita C-Dur für Cembalo: Ouverture – Air - ChaconneGWV 127
  • Johann Ludwig Krebs (1730-1780): Trio VI a-moll für Traversflöte und obligates Cembalo, KrebsWV 322
  • Johann Ludwig Krebs (1730-1780): Von Gott will ich nicht lassen – Choral mit Variationen für Cembalo, KrebsWV 510
  • Johann Sebastian Bach (1685-1750): Sonate für Flöte und obligates Cembalo h-moll BWV 1032
  • Gotthilf Friedrich Ebhardt (1771-um 1840): Wie soll ich Dich empfangen. Choralbearbeitung für Traversflöte und Cembalo

Ausführende:

  • Marion Treupel-Franck (Traversflöte), Thomas Synofzik (Cembalo)

Datum: Samstag, 1. Dezember 2018, 17:00 Uhr
Ort: Bürgersaal im Rathaus, Zwickau (D)
Veranstalter: Robert-Schumann-Gesellschaft Zwickau e.V.

Konzert Archiv
 
Musik

Christoph Graupner – Seine Musik

Leipzig Thomas-Kirchhof 
Der südliche Thomaskirchhof mit Thomasschule und Thomaspförtchen 1850
(Stadtgeschichtliches Museum Leipzig)

In seiner Autobiographie aus dem Jahr 1740 hob Graupner rückblickend die große Bedeutung hervor, die der Organist und spätere Kantor der Leipziger Thomaskirche, Johann Kuhnau, für seine musikalische Ausbildung gehabt hat: Jener unterrichtete Graupner nicht nur auf dem Clavier, sondern auch in Komposition. Besonders wichtig war für Graupner nach eigener Aussage aber vor allem die Möglichkeit, für den Lehrer Abschriften anzufertigen und so Einblicke in die verschiedensten musikalischen Sparten zu erhalten. Auf dieser Grundlage sei er für seine zukünftige musikalische Laufbahn bestens gerüstet gewesen ("Durch den täglichen Fleiß gerieth es also nach und nach dahin, daß ich mich weder in Kirchen- noch in theatralischen Sachen nicht sonderlich mehr zu fürchten hatte; sondern fest ging“).

Offenkundig war Graupner in Leipzig nicht nur mit der Kirchenmusik (für einen Thomasschüler gleichsam selbstverständlich), sondern bereits auch mit Opern­kompositionen in Berührung gekommen – schließlich hatte die Stadt neben Hamburg als einzige deutsche Stadt bereits seit dem späten 17. Jahrhundert ein eigenes bürgerliches Opernhaus. Nach seinen musikalischen und juristischen Studien in Leipzig verschlug es Graupner zunächst für ungefähr drei Jahre (genaue Datierungen sind nicht mehr möglich) nach Hamburg, wo er eine Stelle als Cembalist an der Gänsemarktoper in Hamburg erhielt.

Chalumeau
Discant-Chalumeaux, re-
konstruiert von Rudolf Tutz

Neben dieser Tätigkeit bekam er dort zunehmend Gelegenheit, sich auch in der Komposition von Opernmusik zu erproben. Die Abwerbung nach Darmstadt durch den Landgrafen Ernst Ludwig dürfte Graupner gleich in mehrfacher Hinsicht gelegen gekommen sein: So sprach er selbst von "Verdrießlichkeiten", die ihm den Abgang in Hamburg leicht gemacht haben. Zudem lag ein durchaus vielfältiges Aufgabengebiet vor ihm; denn auch wenn der Landgraf vermutlich in erster Linie am Auf- und Ausbau einer stehenden Oper in seiner Residenz interessiert war, war es doch selbstverständlich, dass zu Graupners Verpflichtungen ebenfalls die Bereitstellung der Kirchen­musik gehörte. Und schließlich schloss eine gewöhnliche Hofhaltung auch die schier selbstverständliche Beteiligung von Musik etwa bei der Tafel oder als Begleitung von Tanzveranstaltungen, Bällen etc. ein, was für Graupner bedeutete, auch Instrumentalmusik zu komponieren – Ouvertürensuiten, Solokonzerte, Sonaten und – gegen Ende seiner Laufbahn – auch Sinfonien. Für ein derartig breites musikalisches Spektrum bestand für den zukünftigen Darmstädter Kapellmeister in Hamburg jedenfalls kein Bedarf.

Opern

Immerhin hatte Graupner bei seinem ersten festen Anstellungsverhältnis in Hamburg sowohl rezipierend (als Cembalist bei der Aufführung der Werke seiner Kollegen) als auch aktiv Erfahrung mit der größten und zweifellos bedeutendsten Gattung der Barockzeit, der Oper, gesammelt; er hatte gelernt, was es hieß, den Figuren in zahllosen Arien Gelegenheit zu geben, verschiedenste Affekte musikalisch schlagkräftig zu präsentieren. Dass er sich dabei rasch ein beeindruckendes Handwerkszeug zulegte, beweisen die beiden frühesten erhaltenen Werke, seine Dido sowie Antiochus und Stratonica. Sie sind zugleich die beiden einzigen erhaltenen großen theatralen Kompositionen aus seiner Hamburger Zeit. Doch bereits in beiden Partituren finden sich Charakteristika, die auch sein späteres Schaffen auszeichnen sollten: eine Vorliebe für dramatische Schreibweise, die sich vor allem durch abrupte Wechsel innerhalb einer Nummer auszeichnet, sowie eine ausgeprägte Klangsinnlichkeit. Letztere ließ ihn die Vokalpartien der Arien zum einen bevorzugt durch Klang“teppiche“ unterlegen; zum anderen zeichnen sich seine Werke immer wieder durch exquisite und exklusive Kombinationen von Instrumenten aus, unter denen vor allem die etwas dunkleren Klangfarben dominieren.

Graupner war, so ergibt sich der Eindruck, weniger ein Komponist der lauten, majestätischen Klänge – wiewohl er dieses Spektrum selbstverständlich auch beherrschte und bediente – als vielmehr ein Mann der leiseren Töne, der verhalten-verschatteten Stimmungen. Chalumeau, Flauto d’amore, Viola d’amore, Fagott – das waren die Instrumente, die ihn zu besonderen musikalischen Lösungen inspirierten. Die Bandbreite der vertonten Affekte reichte von rasenden Wut- und Eifersuchtsausbrüchen bis hin zu resignativ-verzweifelten Todesahnungen, die er musikalisch gleichermaßen virtuos wie intensiv realisierte.

Opernhaus 
Das von Landgraf Ernst Ludwig umgebaute und mit Graupners Oper
"Telemach" 1711 eingeweihte Opernhaus diente bis zu seiner Zerstörung
im 2. Weltkrieg in Darmstadt als "Kleines Haus"

Auch in Darmstadt komponierte Graupner für die Bühne. Überliefert ist jedoch auch für diese Zeit seines Wirkens nur der kleinste Teil davon: die Oper Berenice und Lucilla, die 1710 und nochmals 1712 am Hof zur Aufführung kam (und die 2010 im Rahmen der Veranstaltungen zum 250. Todestag von Graupner durch Wolfgang Seeliger in einer Inszenierung durch Sigrid T’Hooft in der Darmstädter Orangerie zur ersten Wieder­auf­führung nach 300 Jahren gelangte ( "Non puo ridere" und "Ardi, oh cuor"), sowie die Pastorale La Costanza vince l’inganno. Dass Graupner in seiner Eigenschaft als Darmstädter Hofkapellmeister weitere Opern geschaffen hat, weiß man, doch sind von den übrigen nur mehr die Libretti erhalten. Mit der Einstellung des Opernbetriebs 1719 erlosch Graupners diesbezügliches Wirken.

 

Kantaten

Autograph Christoph Graupner 
Autograph Christoph Graupner: Kantate "Preise
Jerusalem, den Herrn" zum Jubiläum der Augsburger
Konfession 1730, vorgesehene GWV Nummer 1173/30b
(Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt)

Den mit riesigem Abstand größten Teil von Graupners musikalischem Schaffen nehmen seine Kantaten ein, die er über einen Zeitraum von mehr als 44 Jahren in Darmstadt komponierte; mehr als 1450 Werke sind erhalten. Die meisten von ihnen dienten als Kirchenkantaten für die sonntäglichen Gottesdienste, die in der Regel in der Schlosskirche stattfanden. Ausnahmen bilden die frühen Kantaten; diese dürften wohl ebenso wie etwa die Trauerkantaten zum Tod von Ernst Ludwig im Jahr 1739 in der Stadtkirche erklungen sein, das legen zumindest die Transpositionen der Bassstimmen nahe, mit denen Graupner auf die anders intonierte Orgel vor Ort reagierte. Nach dem Tod seines Vorgängers Wolfgang Carl Briegel war Graupner für die Bereitstellung der Kirchenmusik hauptverantwortlich. Über lange Jahre konnte er sich dabei mit seinem Vize-Kapellmeister Grünewald, der 1711 nach Darmstadt gekommen war, abwechseln. 1739 jedoch starb dieser, und Graupner hatte Woche für Woche eine neue Komposition für den Gottesdienst zu schreiben. Kein Wunder, dass sich unter der Masse der Werke neben klanglich und kompositorisch herausragenden auch zahlreiche "gewöhnliche“ Werke befinden, die, wiewohl handwerklich sauber gemacht, nicht unbedingt darauf warten, wiederentdeckt zu werden. Es gilt vielmehr, aus der Fülle des musikalischen Schaffens die "Perlen“ herauszupicken.

Die frühe Prägung durch die Opern ist stilistisch auch in den Kantaten zu spüren. Besonders exklusive Klangwirkungen durch ungewöhnliche Farb“teppiche“ behält Graupner auch hier bei. Gerne musizieren solistische Instrumente in den Arien gemeinsam mit den Gesangssolistinnen und Solisten. Der Kapellmeister kannte die Musiker seines Orchesters, er wusste, was er ihnen zutrauen bzw. zumuten konnte – und so finden sich in den Arien immer wieder regelrechte Solokonzerte. Dank der künstlerischen Ambitionen seines Dienstherrn waren in den Jahren nach Graupners Einstellung auch herausragende Sängerpersönlichkeiten nach Darmstadt verpflichtet worden.

Und als 1719 der Opernbetrieb endgültig eingestellt wurde, blieben vor allem die Kantaten als Betätigungsfeld übrig – kein Wunder also, dass Graupner in seinen Kompositionen das eindeutige Schwergewicht auf die Arien legte. Nur in Ausnahmewerken kommt dem Chor eine größere Rolle zu, in der Regel ist seine Funktion jedoch eher beschränkt. In Darmstadt erhaltenes, originales Stimmmaterial lässt zudem den Schluss zu, dass solche Chorpartien nicht nur vom Verbund der beteiligten Solisten gesungen wurden, sondern dass sie vielmehr Unterstützung durch Kapellknaben des Darmstädter Pädagogs erhielten. Über die Kantaten für den Gottesdienst hinaus schrieb Graupner weitere Werke etwa zu Geburtstagen, Hochzeiten, Namenstagen in der landgräflichen Familie. Gerade die Geburtstagskantaten für seinen langjährigen Dienstherrn Ernst Ludwig sind ganz der zeitüblichen Panegyrik verpflichtet, die dem Lob und Preis des Landesvaters galt.

Ouvertürensuiten

Alt-Chamlumeau
Alt-Chalumeau rekonstruiert
von Rudolf Tutz
(im “Sinne Denners”)

85 Ouvertürensuiten und Entraten für die Tafelmusik zählt das Graupner-Werkverzeichnis (GWV) und umreißt damit die am klarsten zuzuordnende Gattung instrumentaler Musik am Darmstädter Hof. Die Funktion dieser vielsätzigen Werke mit eröffnender Ouvertüre und anschließenden Tanzsätzen bezieht sich zum einen auf die Begleitung und Untermalung beim Tafeln; zum anderen aber auch ganz funktional als Grundlage für das Tanzen und die (soweit wir wissen: freilich nur seltenen) Bälle. Die Ouvertürensuite nach französischem Vorbild war seinerzeit in Deutschland äußerst beliebt, und auch im Schaffen von Georg Philipp Telemann, den Graupner noch aus Leipziger Tagen kannte, nimmt diese Gattung eine überaus gewichtige Rolle ein. Anders als Telemann geht Graupner jedoch eher sparsam mit deskriptiven Satzbe­zeichnungen um. Auch wenn die damalige Modegattung im Lauf des zweiten Jahrhundertdrittels immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, hatte sie gerade in Darmstadt weiterhin Fürsprecher: Auch Ernst Ludwigs Sohn, Landgraf Ludwig VIII, mochte die Ouvertürensuite und ließ sich noch in den 1750er Jahren eine Suite von Telemann widmen.

Solokonzerte

Tenor-Chalumeau
Tenor-Chalumeau, rekonstruiert von
Rudolf Tutz (nach Denner)

Wie auch an anderen Höfen konnten die Solokonzerte auch als Visitenkarte für besonders befähigte Orchester­mit­glieder dienen; ihr Bestand lässt sich demnach auch ziemlich direkt als Spiegel der Leistungsfähigkeit der jeweiligen Hofkapelle interpretieren. Doch neben dem italienischen, von Vivaldi in Reinform kulturvierten Solokonzert mit anspruchsvollen, ja virtuosen Passagen für den Solisten gab es auch noch die Form des Gruppenkonzerts, bei dem gleich mehrere Instrumente miteinander musizierten, was mitunter weniger im halsbrecherischen Wettlauf der einzelnen Partien als vielmehr in einem farbenfrohen, hinsichtlich des instrumentaltechnischen Anspruchs etwas reduzierten von statten ging. Unter Graupners Konzerten finden sich beide Typen.

Mit Ausnahme des Cellos gibt es kein Instrument, das nicht als Soloinstrument bedacht worden wäre: Violinen, Viola (in der Sonderform der Viola d’amore), Holzbläser, darunter auch das Chalumeau sowie das Fagott, Blechbläser (Clarinen und Pauken) und alle erdenklichen Kombinationen. Die Mehrzahl von Graupners Konzerte bedient sich der italienischen Form mit drei Sätzen; allerdings gibt es auch einige Konzerte, die aus vier Sätzen – mit vorangestelltem langsamen Eröffnungssatz – bestehen.

Sonaten

Mit 19 Werken bildet die Kammermusik die kleinste Gruppe in Graupners Instrumentenschaffen. Zumeist handelt es sich um Varianten der Triosonate, nicht immer, aber auch in der ganz "klassischen“ Besetzung mit zwei Violinen und Violoncello. Doch auch hier spürt man Graupners ausgeprägten Sinn für Klangfarben: so schreibt er in der Besetzung für Flöte, Viola d’amore und Bass, für Viola d‘amore, Chalumeau und Bass, für Fagott, Chalumeau und Bass – und bevorzugt demnach auch in diesem Genre die dunkleren Klangfarben. Von wenigen Ausnahmen ab gesehen, die dem Typus der Konzertform verpflichtet sind, überwiegt formal eindeutig die viersätzige Kirchensonate mit ihrem langsamen, oftmals pathetischen Beginn (Largo).

 

Sinfonien

Bass-Chalumeau
Bass-Chalumeau rekonstruiert von
Rudolf Tutz (im “Sinne Denners”)

Quantitativ noch gewichtiger als die Gruppe der Ouvertürensuiten nehmen sich die 112 Sinfonien aus. Sie entstanden vornehmlich in den 1740er und frühen 1750er Jahren, als sich die neue Gattung auch andernorts überall zu etablieren begann. Es scheint, als habe Graupner auf seine Weise Anteil an dieser Entwicklung genommen und dabei sehr Unterschiedliches ausprobiert, dem er jedoch einheitlich den Titel "Sinfonie“ gab.

Über die Hälfte der Werke folgt dem dreisätzigen Prinzip mit schnellen Rahmensätzen und einem langsamen Satz in der Mitte; ein weiteres Viertel erprobt den "modernen“ Typus der Viersätzigkeit mit langsame(re)m zweiten Satz und nachfolgendem Menuett, und die letzte (traditionellste) Untergruppe bilden vielsätzige Werke mit fünf (19) und mehr Sätzen, in der Regel sind dies vor allem Tanzsätze wie Gavotte, Sarabande oder Loure.

Einigendes Band ist hingegen die Instrumentation: bis auf zwei Ausnahmen sind alle mit Hörnern und/oder Clarinen und Streichern besetzt, häufig kamen aber auch noch weitere Instrumente wie Flöten und Fagott hinzu. Die konkrete Verwendung dieser Werke liegt bislang im Dunkeln; auffällig erscheint aber die Tatsache, dass in beinahe allen Fällen einzelne Orchesterstimmen erhalten sind – was sehr wohl auf (zumindest intendierte) konkrete Aufführungssituationen schließen lässt.

 

Claviermusik

Autograph Christoph Graupner 
Autograph Christoph Graupner: Partita F-Dur GWV 140, 1. Satz
(Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt)

Relativ früh, in den ersten Dekaden seines Wirkens am Darmstädter Hof, hat Graupner sich nicht nur mit der Komposition von Werken für Tasten­instrumente befasst, sondern diese auch im Selbstverlag herausgegeben: 1718 erschien die erste Sammlung von 8 Partiten, jeweils als Folge diverser französischer (Tanz)sätze. Es folgten 1722 die Monatlichen Clavierfrüchte, deren zwölf individuelle Bestandteile ebenfalls eine Abfolge von Tänzen bildeten, denen zusätzlich jeweils ein Präludium vorangestellt wurde. Ein gleichermaßen programmatischer Titel, Die vier Jahreszeiten, heraus­ge­bracht 1733, ist bis auf den Winter allerdings verschollen. Erhalten ist hingegen noch eine ganze Anzahl handschriftlicher Kompositionen für Clavier.

Mitunter sind es lediglich Einzelsätze, aber auch die von den Druck­aus­gaben bekannten Folgen zeitgenössischer Tanzsätze. Ob und in welchem Rahmen Graupner diese Musik für höfische Belange schrieb, ist gänzlich unklar. Es hat viel eher den Anschein, als seien diese Werke eher den privaten "Muße“stunden Graupners zu verdanken, in denen er sich jenseits seiner offiziellen Aufgaben den eigenen musikalischen Vorlieben widmen konnte (vergleichbar den großen Clavierzyklen von J.S. Bach, wenn auch satztechnisch-kontrapunktisch bei Graupner weniger anspruchsvoll).

© Ursula Kramer 2014

 
Musik